Geschichte Nieder- Oberrod

Die folgenden Zeilen wollen keine Geschichte Nieder-Oberrods bieten. Sie wollen vielmehr ein wenig vom Leben in den vergangenen Zeiten erzählen und zeigen, was den Alltag der Menschen prägte. Dabei wurde auf die Chronik zurückgegriffen, die 1985 anlässlich der 700-Jahr-Feier von Nieder-Oberrod entstanden ist. Um gleich für Ordnung zu sorgen, eine Frage an die Neubürger:

Haben Sie eigentlich Ihr Bürgeraufnahmegeld in Höhe von vierzig Mark, pardon, Euro gezahlt? Sollte Ihr Zuzug allerdings mit der Heirat einer Nieder-Oberroder Bürgerstochter oder Witwe verbunden sein, fällt für Sie nur die Hälfte dieses Betrages an. Grundlage für die Höhe des Bürgeraufnahmegeldes ist ein Beschluss des Nieder-Oberroder Gemeinderates vom 11. 12. 1893, der die Gebühr in dieser Höhe festgesetzt hat. Ach, so, die in Nieder- oder Oberrod Geborenen müssen ja auch ein Gebühr entrichten. Wenigstens dann, wenn Sie die Rechte eines Bürger von Nieder-Oberrod erwerben wollen. Haben Sie es bereits getan? Ihre Gebühr heißt Bürgerantrittsgeld und beläuft sich auf 9.- Mark. Ausländer müssen übrigens 80,- Mark bezahlen.
Andere aus der Vergangenheit stammende Forderungen an die Neubürger hat der erwähnte Beschluss jedoch nicht mehr aufgegriffen, Sie wurden fallen gelassen. Ihnen bleibt also erspart, zwei lederne Feuereimer - Wassereimer für den Brandschutz - anzuschaffen sowie eine tannene Leiter mit dreißig Sprossen. Wenn es brennt, muss man ja auch den ersten Stock und das Dach des brennenden Gebäudes erreichen.Nicht erspart bleibt Ihnen allerdings die Pflicht, aktiv am Brandschutz der Gemeinde teilzunehmen. Vielleicht können Sie Ihre Aufgabe in einer der vier Abteilungen mit den Verantwortlichen absprechen. Damit Sie schon einmal wissen, welche Abteilungen 1896 festgelegt wurden, seien sie hier genannt:
1. Abteilung - Feuerboten
Die Oberroder Feuerboten müssen Oberems und Kröftel benachrichtigen, die Niederroder Feuerboten Heftrich. Sie sind ein ausdauernder Läufer? Dann könnte diese Aufgabe für Sie interessant sein.
2. Abteilung Spritzenbedienung
Auch hier kommt es auf Ausdauer an, nämlich beim Pumpen. Schließlich muss das Wasser vom Bach bis zur Brandstelle befördert werden.Je eine Rotte für Nieder- und Oberrod.
3. Abteilung Rettungsmannschaften
Je eine Rotte für Nieder- und Oberrod.
4. Wachmannschaft
Für die Ämter des Brandmeisters sowie des Strahlrohrsführers kommen Sie nicht in Frage. Die befinden sich seit längerem in der Hand bewährter Männer. Weiterhin wartet auf Sie die Teilnahme am Frondienst.
Wenigstens für den Fall, dass das Protokoll aus dem Jahr 1947 im Sitzungsbuch der Gemeinde noch Gültigkeit haben sollte: "Regelung der Gemeindearbeit, Holzfällung und Steineklopfen ... zur Holzfällung verpflichtet ist jeder Haushalt, in dem männliche Personen vom 16. bis 65. (jetzt 67.?) Lebensjahr vorhanden sind, ausgeschlossen sind Pfarrer, Lehrer und Amputierte."
Bei den gemeindlichen Arbeiten ist übrigens noch der Schneeräumdienst zu nennen: Von Niederrod aus bis zur Einmündung der Kreisstraße in die Straße Kröftel-Heftrich und in Richtung Oberrod, von Oberrod aus bis zur B8 hinauf, in Richtung Niederrod und in Richtung Kröftel. So war es wenigstens bis 1960 Bürgerpflicht. Nicht zu vergessen auch die Hand- und Spanndienste, von denen Sie sich allerdings mit der Zahlung von 2 Mark und 80 Pfennigen pro Tag freikaufen können. Bitte prüfen Sie jedoch vorher, ob die im Jahr 1907 festgesetzten Tarife noch Bestand haben. Stöhnen Sie bitte nicht!
Die Auflagen in Nieder-Oberrod bewegen sich durchaus im Rahmen des Üblichen. Aber Sie haben ja nicht nur Pflichten. Sie haben auch die Möglichkeit, sich kleine Zuverdienste zu verschaffen. Sie müssen der Gemeinde nur ein günstiges Angebot für die Wahrnehmung eines der folgenden Dienste abgeben, dann erfolgt der Zuschlag und Sie können sich leicht um die 30 Mark pro Jahr dazu verdienen. Es geht zum Beispiel um folgende Dienste und Aufgaben:die Bedienung der Kirchenuhr und das Läuten, das Feueranmachen im Schulsaal und die Reinigung; die Haltung des Mannviehs (Zuchtbulle, Zuchteber, Zuchtbock); die Ämter des Maulwurffängers, des Nachtwächters in den Ortsteilen, des Feldhüters. Gerade das Amt des Feldhüters sollten Sie im Auge halten: Sie können Vergehen aufschreiben und weitermelden! Wer etwa durchs Gras läuft oder wer im Wald Gras mit der Sichel mäht, statt es mit der Hand zu rupfen, kann von Ihnen weitergemeldet, sprich: angezeigt, werden. Das hat doch was! Sollten Ihnen diese Aufgaben nicht liegen, vielleicht haben Sie Glück und können das Recht ersteigern, den einen oder anderen Straßen- oder Wegerain zu mähen, um Futter für Ihre Kaninchen oder die Ziege zu ernten. Oder liegt es Ihnen mehr, das Obst eines Baumes am Straßenrand zu ernten und zu verarbeiten? Auch das könnten Sie ersteigern.
Sie sehen, es lohnt, in Nieder-Oberrod zu Hause zu sein. Mögen Sie sich wohlfühlen!
Nachdem Sie nun über Ihre Pflichten und Rechte als Bürger der Gemeinde Nieder-Oberrod aufgeklärt sind, sollten wir einen kurzen Blick auf die Längst-Vergangenheit des Ortes werfen. Ist es nicht bezeichnend?
1285 wird Nieder-Oberrod das erste Mal in einer Urkunde erwähnt. Und um was für eine Urkunde handelt es sich? Nun, um ein Papier, das die Abgaben festhält, die die Nieder-Oberroder Bürger ihrem Grundherren zu leisten haben. Der Grundherr war der Herr von Eppstein. Er hatte damals die Rechte auf die Abgaben vom Stephansstift in Mainz gepachtet. An ihn abzugeben waren: acht Kölner Schillinge, Masthähne und Futterhafer.Und weil wir aus der Geschichte lernen sollen, halten wir folgende Lehren fest:1. Der Arm der Finanzbehörden reichte schon immer bis in die letzten Täler und Winkel. 2. Kleine Leute und kleine Dörfer kommen in der Geschichte vor allem als Steuerzahler vor. Abgaben erfreuen immer den, der sie entgegennehmen kann.
Deshalb gab es schon früh Streit um Nieder-Oberrod. Die Eppsteiner stritten mit den Nassauern um die beiden Dörfchen. Die Grenzziehung zwischen beiden Herrschaften war nämlich im Gebiet von Nieder-Oberrod und auch von Kröftel nicht genau geregelt. - Hallo, Ihr Kröfteler, schon früh bildeten wir eine Schicksalsgemeinschaft! -Der Streit endete damit, dass sich die Nassauer Herren durchsetzten. Das bedeutete auch eine kirchliche Trennung, nämlich von Schlossborn, das weiterhin im Herrschaftsbereich der Eppsteiner verblieb. Wieder ein Schlag für die armen Schlossborner! Die einstmals riesige Pfarrei - vom Schwarzbach bis an die Weil - wurde im Lauf der Jahrhunderte mehr und mehr verkleinert! So etwas muss aufs Gemüt gehen.Kröftel wurde der Pfarrei in Heftrich zugeschlagen, Nieder-Oberrod bekam eine eigene Pfarrstelle in Oberrod. Allerdings wurde sie zeitweise vom Pfarrer in Heftrich mitversehen. Die Abgaben der Bürger hatten ursprünglich nicht nur für die Wahrnehmung allgemeiner Aufgaben gedient. Sie sollten dem jeweiligen Herrn des Landes auch die Möglichkeit geben, die Voraussetzungen für den Schutz seiner Untertanen zu schaffen. Damit war es aber allerspätestens während des dreißigjährigen Krieges vorbei.
Feindliche Heere wälzten sich durch das schutzlose Idsteiner Land. Die Heer-Führer pressten unglaubliche Summen und Naturalabgaben aus dem Land. Die keineswegs große Herrschaft Idstein musste allein 1625/26 202.506 Reichstaler aufbringen. Dafür ließen die feindlichen Truppen die Pest zurück. In Idstein starben innerhalb zweier Monate 57 Menschen an dieser Seuche. 1627 quartierte sich dann der Graf von Freising, ein wallensteinischer Oberst, mit seinen Truppen ein. Das kostete die Herrschaft Idstein 50.000 Taler und 84 Vorspannpferde. Dazu kamen Misshandlungen und Verhaftungen, wenn den Forderungen nicht sofort entsprochen wurde.
Als 1648 endlich der westfälische Friede geschlossen wurde, waren die Nöte allerdings noch nicht vorbei. Brotlos gewordene Soldaten schlossen sich zu Horden zusammen und holten sich aus den Dörfern, was sie zum Leben brauchten. Auch die späteren Zeiten verschonten Nieder-Oberrod nicht vor leidvollen Auswirkungen der großen Politik, die oft Kriegspolitik war.
Ungefähr 1795 bat der damalige Pfarrer von Oberrod, Ernst Ferdinand, Wilhelm Dieffenbach, um Versetzung an eine andere Pfarrstelle. Zur Begründung schrieb er:„ ... was ich aber ... erworben, ererbt und ... bekommen habe, ist seit drei Jahren durch öftere Plünderungen zur Hälfte verloren gegangen, und ich bin in Gefahr, durch einige vernichtete Papiere auch von der anderen Hälfte einen guten Teil einzubüßen. Es geht über alle Beschreibung, was ich durch die unglückliche Lage meines kleinen Wohnortes an einer der ersten Hauptstraßen, wohin dreimal ein großes Lager zu stehen gekommen ist, und wo alles aufs Pfarrhaus losstürmte, gelitten habe und welchen Drangsalen, üblen Behandlungen, Furcht und Schrecken ich mit den Meinigen ausgesetzt bin. Und noch immer dauern die Plagen des Krieges durch stets wechselnde Einquartierungen, ohne das Ende abzusehen, beständig fort. Wenn ich an meiner Wohnung und Hofreite hinblicke, da werde ich überall der Spuren der Verwüstung und des Verfalles gewahr, z. B. zerschlagene und verbrannte Türen von Scheunen und Stallungen, verfallene Dächer und Wände und dergleichen, weil seit sechs Jahren des Krieges nichts gehandhabt worden ist.“Wie sehr die Plünderungen mit blindwütigem Zerschlagen und Zerstören Hand in Hand gingen, hat Dieffenbach 1796 über den Aufenthalt französischer Truppen berichtet:
„Die Franzosen haben bei ihrem letzten Aufzug – möge es der letzte sein! – an der hiesigen Kirche folgendes ruiniert:: 1, Das Orgelgen von seinem Stand hinab in den Gang gestürzt und völlig zugrunde gerichtet; 2. die Glocken- und Uhrseiler abgeschnitten und mitgenommen; 3. den Altar zerbrochen; 4. einen Flügel von einem Fenster eingestoßen; 5. die Türen durch Aufbrechen beschädigt; 6. den Schieferstein, woran die Nummern der Lieder geschrieben zu werden pflegten ... zerschlagen; 7. die Sanduhr von der Kanzel weggenommen; 8. im Pfarrstuhl Bretter losgebrochen ...“
1797 wurde der Bitte von Dieffenbach entsprochen. Er wurde versetzt. Ein anderer Pfarrer hatte nun zusammen mit den Nieder-Oberrodern die Kriegsfolgen zu ertragen Aber nicht nur die Franzosen richteten im Gefolge der Revolutionskriege große Schäden an. Auch die oftmals plündernden russischen Soldaten, die im Zuge der Kriege gegen Napoleon in unseren Gebieten auftauchten. Die Russen waren daher gefürchtet. Allerdings nicht alle. Als nämlich die russischen Truppen im Januar 1814 abzogen, blieben hier und da im Idsteiner Land einzelne Soldaten zurück und heirateten. Es wird erzählt, sie hätten sich in den Wäldern versteckt und seien von den Dörfern aus versorgt worden, in der Regel wohl von heiratswilligen jungen Frauen. Das Oberroder Taufregister hält für 1815 Geburt und Taufe eines Kindes mit russischem Vater fest. Der Vater wurde in Oberems als Bürger aufgenommen, heiratete die Mutter und wurde Leineweber.
Weil wir gerade bei den Kriegen sind, handeln wir das leidige Thema auch in kurzen Zügen bis zum Ende ab:Von dem Krieg 1865/66, in dem viele deutsche Staaten auf Österreichs Seite gegen das mit wenigen anderen deutschen Staaten verbündete Preußen kämpften, bekam Nieder-Oberrod nur das Ergebnis mit: das Herzogtum Nassau wurde preußisch. Der Herzog hatte gegen den dringenden Rat Preußens, doch wenigstens neutral zu bleiben, auf österreichischer Seite mitgekämpft und hatte durch die Niederlage sein Land verloren. Nicht wenige Nassauer begrüßten die Veränderung.
Der Krieg 1870/71 gegen Frankreich forderte keine Nieder-Oberroder Opfer.
Anders der Krieg 1914/18. Nach einer Notiz des damaligen Pfarrers Dienstbach wurde die Bekanntmachung des Kriegszustandes „mit tiefem Ernst und erschrockener Seele ... aufgenommen. Jeder wusste, was es bedeutete.“Und als der Krieg zu Ende war, kehrten von den mehr als vierzig Nieder-Oberroder Kriegsteilnehmern zehn nicht mehr zurück,. Sie waren gefallen, rund 5% der damaligen 209 Einwohner der beiden Dörfchen. Mit dem Krieg war der Krieg für Nieder-Oberrod allerdings nicht zu Ende. Es folgte eine französische Besatzungszeit. Sie war mit Einquartierungen, mit Auflagen, Leistungen, Einschränkungen und einer Menge anderer Unannehmlichkeiten verbunden. Nur zwischen 6.00 und 20.00 Uhr durften sich die Bürger auf den Straßen bewegen. Wer in ein anderes Dorf wollte, musste dafür eine Genehmigung einholen. Alle über zwölf Jahre alten Bürger mussten sich bei der französischen Behörde einen Pass besorgen. Französische Offiziere mussten immer gegrüßt werden. Dass der damalige Lehrer stets ohne Kopfbedeckung ausging, dass er jedes Mal vom Fenster zurücktrat, wenn der französische Kommandant an der Schule vorbeikam, wurde ihm als Nichtachtung der Person der Kommandanten ausgelegt. Einer lie dem Lehrer durch den Bürgermeister ausrichten: Sollte er sein Verhalten nicht ändern, werde er eingesperrt. Übrigens die Einquartierungen: Zeitweise waren es in Oberrod 200 Mann und in Niederrod 300.
Kamen die früheren Kriege für die Dorfbewohner oft überraschend und erschreckend, so kündigte sich der 2. Weltkrieg lange vorher an, allerdings für den normalen Bürger nicht leicht erkennbar. Der Reichsluftschutzbund etwa betonte schon 1937 bei seiner Beitragsforderung an die Gemeinde Nieder-Oberrod, welche große aufgaben dieser Bund „im Interesse der Landesverteidigung zum Schutze der Zivilbevölkerung“ habe. Der Beitrag belief sich übrigens auf 50,- Reichsmark. nicht wenig in einer Zeit, in der ein Arbeiter keine 90 Pfennige Lohn für eine Arbeitsstunde erhielt. Ganz im Sinne des Reichsluftschutzbundes wurden etwa ein Jahr vor Kriegsbeginn Häuserecken mit Leuchtfarbe gestrichen. Das sollte den Bürgern helfen, sich nachts bei ausgeschalteter Straßenbeleuchtung zurechtzufinden.
„Verdunkelung“ war dann im Krieg das große Stichwort in den Dörfern und Städten. Verdunkelung, um den feindlichen Flugzeugen die Orientierung und das Auffinden der Bombenziele zu erschweren. Lange vor Herrn Görings Meier-Spruch – „Ich will Meier heißen, wenn ein feindliches Flugzeug über Deutschlands Grenzen fliegt!“ – wurde also schon mit Fliegerangriffen auf deutsche Städte und Dörfer gerechnet. Der große Erfolg, den die Nationalsozialisten in vielen ländlichen Gebieten hatten, machen Notizen des damaligen Pfarrers Otto Möhn verstehbar: „Die nationalsozialistische Partei sandte ihre Redner in möglichst dichter Folge in de Dörfer. Diese brachten es fertig, mit den von ihnen beschriebenen Zielen der Partei die Leute zu faszinieren. ... Die Erwartungen, die man an Hitlers Sieg knüpfte, gingen über alles Maß hinaus und können in diesem Umfang nie erfüllt werden.“„Die am 5. März –1933 – folgenden Wahlen standen bereits unter bemerkbarem Druck , wenn er auch nicht sichtliche ausgeübt wurde. Es wagte sich wohl kaum jemand dem Kommando zu entziehen, durch das die Einwohner in Versammlungen und Kundgebungen befohlen wurden.“ „Druck von oben“ waren die Menschen im Grunde von jeher gewöhnt. Immer hatte die Obrigkeit angegeben, wo es lang zu gehen habe. Neu war für die Menschen auf dem Lande allerdings, dass ihnen mit den nationalsozialistischen Blut- und Boden-Sprüchen zum ersten Mal das Gefühl vermittelt werden sollte, sie seien von Bedeutung; sie könnten das Schicksal des Landes mitbestimmen. In Wirklichkeit war jedoch alles von oben her festgelegt und geregelt. Schulen und Gemeinden hatten nationalsozialistisches Schriftgut anzuschaffen, andere Schriften kamen nicht in Frage.
Die Gemeindevertreter, jetzt Gemeinderäte, dürfen den Gemeindeleiter nur noch beraten, und zwar in Sitzungen, die nicht öffentlich sind. Sie haben seine Entscheidungen vor den Bürgern zu vertreten. Die Gemeinderäte dürfen sich weder auf eigenen Wunsch versammeln, noch dürfen sie die Einberufung einer Sitzung fordern. Die Eidesformel, mit der Bürgermeister und Gemeinderäte auf ihren Dienst verpflichtet wurden, verpflichtete den Schwörenden nicht nur für die zeit seines Amtes, sondern „auch für jedes weitere Amt“, das ihm später übertragen wurde. Die Formel lautete: „Ich schwöre: Ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflicht gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe.“ - Von einer für alle geltenden Verfassung war da nicht mehr die Rede.
Was aus den hochfliegenden Plänen geworden ist, weiß jeder. Die Folgen für Nieder-Oberrod kann man am Kriegerdenkmal ablesen. Der eine oder andere Kriegsteilnehmer leidet gelegentlich noch an seiner Verwundung und kann erzählen, zum Beispiel: „Als unsere Truppe an ihrem bestimmten Ziel angekommen war, trat der Kommandeur vor uns und sagte: Natürlich ist jeder von euch freiwillig hier! Wer hätte angesichts der Pistole und der Befehlsgewalt des Kommandeurs rufen können: Ich nicht!?“
Als weitere Kriegsfolge wurden viele Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus dem Sudetenland in unser Dorf eingewiesen. Für die Vertriebenen wie für die Einheimischen entstanden dadurch große Schwierigkeiten. Und sobald sich die Gelegenheit dazu bot, wanderten die meisten der Vertriebenen wieder ab. Etliche Häuser an der heutigen Kettungstrasse aber gehen auf die in Oberrod verbliebenen Sudetendeutschen zurück.
Wenden wir uns wieder der Schaffung der Pfarrstelle in Nieder-Oberrod zu. Wovon lebte denn der Pfarrer in diesen kleinen Dörfern? Der Pfarrei waren rund fünfzig Land zugeteilt worden, die konnte der Pfarrer bestellen. Mit diesen fünfzig Morgen gehörte die Pfarrei zu den größten Landbesitzern am Ort, wenn sie nicht sogar der größte Besitzer von Grund und Boden war. Außerdem standen dem Pfarrer jährliche Abgaben zu, über die er ein genaues Verzeichnis führte. – Abgaben, zwar in geringem Maß, aber doch Abgaben, auch gegenüber der Kirche. Selbst dieser große Besitz konnte jedoch nicht verhindern, dass einer der Pfarrer verhungerte. Wenigstens wird es so überliefert.
Pfarrer Johann Conrad Rossbach war der Unglückliche. Er musste die Greuel des dreißigjährigen Krieges (1618-1648), die Überfälle und Plünderungen, miterleben. Und weil Oberrod der großen Straße Frankfurt - Köln sehr nahe lag und durch eine gut ausgestattete Pfarrstelle aus der Zahl vieler kleiner Dörfer herausragte, bekam es die Soldatenwillkür besonders heftig zu spüren. Was ein Pfarrhaus? Da gibt es sicher etwas zu holen!Rossbach, seines Besitzes beraubt, flüchtete nach Königstein, wo er verhungert sein soll. Als sich die Krieger des dreißigjährigen Krieges endlich ausgetobt hatten, soll in Oberrod niemand mehr gelebt haben. Alle waren geflohen, erschlagen, verhungert oder an einer Seuche gestorben. In dem etwas abseits gelegenen Niederrod hatten sich einige wenige Einwohner halten können, ähnlich in Kröftel und Oberems.Die beiden Orte waren 1609 aus der Pfarrstelle Heftrich herausgelöst und der Oberroder Pfarrstelle zugeordnet worden. Das wie auch die Einführung der Reformation im Nassauer Land, also auch in Nieder-Oberrod, gehört zu den wenigen wichtigen Auskünften, die wir zur Zeit über Nieder-Oberrod vor dem dreißigjährigen Krieg geben können.Die mit der Jahreszahl 1514 versehene Rosette in der Oberroder Kirche - im Fenster rechts neben der Kanzel - verrät uns leider nichts über das Jahrhundert vor dem dreißigjährigen Krieg. Wir lesen zwar die Inschrift "Pilippus + Drotz + von (...) rber", aber weder das Hessiche Hauptstaatsarchiv noch die Akademie der Wissenschaften und Literatur, Abteilung Inschriften-Kommission, können den fehlenden Teil des Namens ergänzen. Auch vermag niemand das Wappen einer Adelsfamilie zuzuordnen. Ja, es besteht Grund zu der Vermutung, dass das Wappen erst in späterer Zeit in die Scheibe eingefügt worden ist. Und zu unserer weiteren Enttäuschung fragen die Fachleute: Hat man die Rosette 1755 beim Bau der heutigen Kirche vielleicht von irgendwoher übernommen und zum Schmuck in ein Fenster der Kirche eingebaut? Stammt sie also gar nicht aus dem Vorgängerbau der heutigen Oberroder Kirche? Nach dem Ende des dreißigjährigen Krieges begann sich neues Leben in Nieder-Oberrod zu regen. Bürger kehrten zurück oder zogen zu. Und ungefähr zehn Jahre nach dem Kriegsende kam es zu zwei besonderen Anschaffungen: 1659 wurde ein Abendmahlskelch in Frankfurt gekauft, und 1661 begann die Instandsetzung der Kirche, bei welcher Gelegenheit auch zwei Glocken gekauft wurden. Die kleinere der beiden Glocken hat alle Bronzegier der auf Kanonenbau drängenden Kriegsherren in Deutschland überlebt und hängt noch heute im Kirchturm. Sie trägt außer der Jahreszahl 1661 den Hinweis, P. Michalin habe die Glocke gegossen. Ferner weist sie eine Unzahl nicht mehr verständlicher Abkürzungen auf und darüber hinaus ein Kreuz mit den vier Anfangsbuchstaben der Kreuzinschrift Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum (Jesus von Nazareth König der Juden).Den Kelch gibt es ebenfalls noch. Mit ihm verbindet sich eine besondere Überlieferung: Bevor Pfarrer Rossbach nach Königstein floh, habe er den Abendmahlskelch in der Scheune vergraben. Ein dem Verhungern naher Bauer habe ihn später wieder ausgegraben und verkauft, um Geld fürs Überleben zu bekommen. Nach dem Krieg sei er verpflichtet worden, einen neuen Kelch anzuschaffen.Und weil wir gerade bei den Abendmahlskelchen sind: 1761 haben Johann Michael Fritz und Anna Margaretha Fritzin einen Kelch für die Kröfteler Kirche anfertigen lassen. Sie waren 1761 dreißig Jahre miteinander verheiratet. Wem war das schon beschieden in einer Zeit, in der viele Frauen vorzeitig im Kindbett starben und viele Männer bei der Arbeit verunglückten.Überhaupt hatte die Sterbeglocke für viele sehr junge Menschen zu läuten. Im Sterberegister für die Jahre 1727 bis 1736 sind 113 Sterbefälle verzeichnet. Vierundfünfzig der Verstorbenen waren jünger als vierzehn Jahre, von denen einundzwanzig sogar jünger als ein Jahr alt waren. Nur achtzehn Menschen hatten das Alter von sechzig Jahren überschritten, drei von ihnen hatten das achtzigste. Lebensjahr erreicht. Grob überschlagen betrug die Lebenserwartung durchschnittlich achtundzwanzig Jahre. Unser kleiner Rückblick eilt durch die Jahrhunderte und was hält er fest? Geburt, Hochzeit, Tod, kirchliche Anlässe, erlittene Kriege! Alles zeugt von einem eher bescheidenen, ja, arm zu nennenden Leben, wie es in vielen nassauischen Dörfern gelebt wurde, besonders in den höheren Taunuslagen.Sehr anschaulich machen das zwei Versteigerungsprotokolle und der Bericht einer ärztlichen Untersuchung der Schulkinder. Die eine Versteigerung fand 1846 statt. Ein Bauer brachte die Bekleidungsstücke seiner verstorbenen Frau zur Versteigerung. Die Liste der zu versteigernden Textilien zählt unter anderem auf:1 Catunern Kleid, Hemter, Strümpf jeweils paarweise, mehrere Halstücher, verschiedene Schürzen, 3 Paar Hausschuhe, 2 Leibge. Zu der Versteigerung hatten sich Menschen aus Oberrod, Niederrod, Kröftel, Glashütten und sogar aus Steinfischbach eingefunden.1933 wurden wohl von der Schulrenovierung stammende Reste versteigert: altes Eisen, ein Haufen Schiefer, drei Haufen Bretter, drei Dachfenster, ein Kessel, eine Bank, drei Haufen Holz, ein Boden und ein Haufen Sand. Als schließlich alles einen Abnehmer gefunden hatte, konnte die Gemeindekasse die Einnahme von 22.10 Reichsmark verbuchen. Die Untersuchung der Schulkinder wurde 1926 vorgenommen und brachte folgendes Ergebnis: Von einundzwanzig Kindern haben zehn Kropf, zwölf Drüsenschwellung, drei Polypen, fünfzehn schadhafte Zähne, zwei sind asthenisch, zwei augenkrank. Je ein Kind muss dem Krüppelarzt vorgestellt werden oder hat Kropfekzem, Rachitis, eine alte Narbe, rechtseitigen Leistenbruch, Nisse. Vier Kinder werden zur Kur empfohlen. Einige Kinder sind unterernährt. – Und das auf dem Land, wo alles doch so „gesund“ ist. Natürlich gab es im Leben der Nieder-Oberroder auch Feste und kleinere oder größere Höhepunkte. Da waren der Bau der Kirche in den Jahren vor 1758, der Bau des Schulhauses mit Lehrewohnung 1854, die Einweihung des neuen Friedhofs 1862 oder das fünfundzwanzigjährige Regierungsjubiläum des Hezogs Adolph von Nassau 1864. Es wurde, wie der damalige Lehrer Ziegenmeyer schrieb, "auf eine den hiesigen Verhältnissen entsprechende Weise gefeiert": am Morgen Festgottesdienst für die Orte des Kirchspiels (Nieder-Oberrod, Kröftel und Oberems), am Nachmittag Auszug aller Nieder-Oberroder "unter Gesang und fliegender Fahne" auf den Kröfteler Berg. "Hier wurden an jeden Bürger beider Orte 3 Schoppen Äpfelwein verabreicht, während an sämtliche Kinder Bubenschenkel (ein Gebäck), ausgeteilt wurden. Unter abwechselndem Gesang der Erwachsenen und der Schulkinder nahm die Feier einen heiteren und angenehmen Verlauf."Gebäck erhielten die Schulkinder auch 1854 bei der Eröffnung der neu gebauten Schule . Der Lehrer notierte: "Jeder Schüler erhielt für zwei Kreuzer Brötchen vom hiesigen Gemeindevorstand, um die Erinnerung an die Schulweihe doch an etwas zu knüpfen."Auch die jährlich wiederkehrende Kerb vereinigte alle Bürger zur fröhlichen Feier, die sich vom Samstag über den Sonntag bis zum Montagabend erstreckte: Festzelt aufbauen, Kerbebaum stellen, Umzug der Kerbeburschen, Zusammensitzen und Tanz. Erst im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhundert begann der Niedergang der Kerb. Sie hatte sich allerdings schon lange von ihrem eigentlichen Ursprung, der Feier der im Dorf stehenden Kirche und ihrer Fertigstellung, entfernt.
Aber die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert brachte noch ganz andere Veränderungen mit sich: die Flurbereinigung räumte mit dem Flickenteppich winziger Wiesenstreifen und Ackerflächen auf. Allerdings auch mit vielen Bächen, Bäumen, Feldgehölzen, dem Lebensraum ungezählter Kleintiere. Die einklassige Schule wurde geschlossen. Die Eigenständigkeit der Gemeinde hatte ein Ende. Nieder-Oberrod wurde Idsteiner Stadtteil. Die Poststellen wurden aufgehoben. Die beiden kleinen Wohnzimmerläden schlossen. Die Tankstelle stellte ihren Betrieb ein. Und nachdem der letzte Oberroder Pendler, der den Bus benutzte in die Rente gegangen war, wurde der Omnibusverkehr nach Königstein eingestellt. Die Milchsammelstellen wurden aufgelöst. Bald gab es auch kein Rind und keine Kuh mehr in Nieder-Oberrod. Die meisten Bauernhöfe hatten keine Nachfolger. Viele verpachteten ihr Land an auswärtige Landwirte.
Als um so wichtiger für das Leben erwies sich der Bau des Dorfgemeinschaftshauses in Oberrod und schließlich die im Rahmen der Dorferneuerung durchgeführten Maßnahmen, die privaten und öffentlichen Renovierungen und Neueinrichtungen: zum Beispiel der mit viel Eigeninitiative eingerichtete Spiel- und Sportplatz in Niederrod, der Verbindungsweg zwischen den Ortsteilen, die Erweiterung des Dorfgemeinschaftshauses, der Neubau des Feuerwehrhauses und viele andere Maßnahmen. Nach allen Rückschlägen in den vorangegangenen Jahrzehnten zeigen sie: Es geht weiter, unser Dorf hat eine Zukunft.
Wie es zu der Dorferneuerung gekommen war?An eine Dorfwoche der Evangelischen Kirchengemeinde Oberrod – unter anderem mit dem Thema „Wie viel Pferde verträgt ein Dorf?“ – schlossen sich Veranstaltungen der Gruppe “Schöpfung bewahren an!“, die sich mit dem Thema Dorf befassten.Schließlich wurde der Antrag gestellt, an dem Landeswettbewerb „Unser Dorf“ teilzunehmen. Dabei kam Nieder-Oberrod auf den fünften Platz, erhielt für „Kinder im Dorf“ den zweiten Platz und für „Ökologie im Dorf“ eine Sonderauszeichnung. Weil dann eines der vor Nieder-Oberrod platzierten Dörfer ausfiel, konnte unser Dorf an der Dorferneuerung teilnehmen.